„Beim Aufgang der Sonne erinnern wir uns an sie“

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Rund 50 Schlüchterner Bürger sind der Einladung der Stadt gefolgt und haben auf dem jüdischen Friedhof der 165 deportierten und ermordeten jüdischen Mitbürger gedacht.
„Heute vor genau 83 Jahren wurde der Weg des Holocausts vorgezeichnet. Rund 1 400 Synagogen und jüdische Gebetsräume wurden geplündert und angesteckt, zigtausende jüdische Geschäfte ausgeraubt und demoliert. Die grässlichste Facette der deutschen Geschichte nahm mit den Novemberprogromen eine neue Dimension der Greultaten an“, betonte Bürgermeister Matthias Möller bei der Gedenkfeier.
Obwohl diese abscheulichen Taten schon so lange zurücklägen, gebiete es sich nicht nur aus Anstand, immer wieder daran zu erinnern und davon sprechen. „Wir dürfen diese Vergangenheit niemals aus dem Blick verlieren und müssen sie nicht nur meiner Generation stets in Erinnerung rufen, sondern müssen sie auch unseren Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen immer wieder erklären und aufzeigen.“
Die Namen der 165 Ermordeten Schlüchterner Juden verlasen Hans Konrad Neuroth und Kerstin Baier-Hildebrand. „Es reicht nicht zu sagen: Hier ist kein Platz für Antisemitismus“, hob Neuroth hervor. Es gelte, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten gegen rechte Gewalt und antisemitisches Gedankengut vorzugehen.
Stadtverordnetenvorsteher Joachim Truss erklärte, dass in der 1 700-jährigen Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland und 500 Jahren in Schlüchtern das Judentum in die DNA übergegangen sei. Der ehemalige evangelische Pfarrer rezitierte aus dem jüdischen Gebetsbuch die Verse: „Beim Aufgang der Sonne und bei ihrem Untergang erinnern wir uns an sie. / Beim Wehen des Windes und in der Kälte des Winters erinnern wir uns an sie. / Beim Öffnen der Knospen und in der Wärme des Sommers erinnern wir uns an sie…“
Die Gedenkfeier umrahmten die Klarinettistinen Sabine Rau und Angelika Hahn mit klagenden Klezmer-Klängen.