Liebeserklärung an eine zweite Heimat

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Pädagoge, Volkssänger, Wandervogel: Seit über 40 Jahren ist der Saarländer Hans Bollinger unterwegs in Polen. Auf Einladung des Schlüchterner Fördervereins Städtepartnerschaft las der 70-Jährige „in überschaubarer Runde“, wie sich Vorsitzender Reinhold Baier ausdrückte, aus seinem Bestseller „Unterwegs in Polen. Begegnungen mit Menschen, ihrer Geschichte und Heimat“.
Seine Liebeserklärung an das Nachbarland, das für ihn eine zweite Heimat geworden ist, war herzlich, witzig und spannend. „Die Sehnsucht nach Osteuropa hat mir mein alter Dorflehrer implantiert. Er zeigte uns Filme über das alte Danzig, die Masurische Seenplatte und Menschen, die noch mit der Erde verbunden sind“, erzählte der Träger des Bundesverdienstkreuzes, des Kavalierkreuzes und der KEN-Medaille. Er kümmert sich seit vielen Jahren um den deutsch-polnischen-französischen Kulturaustausch. Allein 30 Schulpartnerschaften hat er in 25 Jahren ins Leben gerufen.
Hans Bollinger kam richtig in Schwärmen, als er über die Begegnungen mit einfachen Bauern in den entlegensten Gegenden berichtete, wo die Menschen ihre Äcker noch bestellten wie anno dazumal. Wildhüter hätten ihn zu Elchen, Wisenten und Adlern geführt.
Als er 1976 das Land zum ersten Mal bereiste, war es nicht der Sehnsucht nach Fauna und Flora, sondern der Liebe wegen. So begann er seine Lesung mit der Episode „Heimliche Hochzeit“. Beschrieb, wie er alle bürokratischen Hürden überwand, um in das Land hinter dem eisernen Vorhang einzureisen und heimlich in Zabrze, dem ehemaligen Hindenburg, Krystyna Zawisza zu heiraten, eine Kusine saarländischen Freunde, die er nur Monate zuvor in seinem Heimatort Wörschweiler kennengelernt hatte. „Die Ehe hält noch immer. Die 50-Mark Schmiergeld für den Standesbeamten haben sich gelohnt“, schmunzelte er.
Seine Erzählung „Eicheln aus Lubowitz“ untermalte Bollinger mit Liedern und Texten des deutschen Romantikers Joseph von Eichendorff „Wandern lieb ich für mein Leben“ und „In einem kühlen Grunde“. Eichendorff sei 1788 auf Schloss Lubowitz bei Ratibor in Oberschlesien geboren worden. Die Böllerschüsse bei seiner Geburt seien allerdings verfrüht abgefeuert worden, merkte der Referent an.
Dass die Menschen auf dem Lande noch in den 70er Jahren kurz nach Mitternacht Schlange standen und warteten, bis die Lebensmittelgeschäfte morgens öffneten, sei für die junge Generation unverständlich. Daher zeige er bei seinen Vorträgen in Schulen immer diese Fotos von früher.
Er schilderte weiter, wie er bei einer Wanderung mit seiner Frau bei Kremna eine Gedenkstätte fand, die auf einen Massenmord an über tausend Juden durch die Nazis hinwies und sang leise das jiddische Lied „Mir leben ejwik, mir sejnen do!“
Polen sei immer ein Spielball zwischen Ost und West gewesen. Heute sei es ein aufstrebendes Land. Auf die Frage „Wo liegt Polen?“ habe die befreundete polnische Professorin Dorata Simononides bei der Frankfurter Buchmesse geantwortet: „Polen liegt nicht, Polen arbeitet.“
Das Nachbarland sei heute auf dem Weg von der Vergangenheit in die Zukunft. „Man merkt, dass sich die Arbeit gelohnt hat. Warschau ist allerdings nicht das Schönste, das es dort gibt“, hielt sich Bollinger bewusst mit politischen Äußerungen zurück.