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Einigkeit und Recht und Freiheit standen am vergangenen Samstag beim Festakt zum Tag der deutschen Einheit in der Schlüchterner Stadthalle auf dem Prüfstand.
Festredner Dr. Peter Tauber betonte, dass nach der deutschen Einheit vor 30 Jahren eine europäische Einheit gelingen müsse, damit sich die Werte Frieden, Freiheit und Demokratie in Europa festigen. „Mit Kraftmeierei ist der Platz vorne in Europa nicht zu halten. Wir müssen die deutsche Brille abnehmen und unsere Offenheit bewahren“, sagte der Staatssekretär.
Der 9. November 1989 sei der glücklichste Tag des deutschen Volkes. Tauber erinnerte sich zurück, wie er als 16-Jähriger nach dem Mauerfall auf einer Fahrt 115 Trabis gezählt habe und noch nie erlebt habe, dass Menschen so fröhlich winkten, wenn sie überholt würden.
Aber: „Wir haben die Neugierde von damals verloren. Wir dürfen uns auf den Lorbeeren der Wiedervereinigung nicht ausruhen. Wir müssen die Neugierde auf Morgen wiederentdecken. Nur dann wird Deutschland eine anerkannte und geschätzte Nation in Europas Mitte sein“, betonte der Festredner an. Es sei an der Zeit, sich zugunsten Europas zurückzunehmen. „Wenn die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht den Mut und die Zuversicht zum Wiederaufbau gehabt hätten, würden wir heute noch in den Trümmern sitzen.“
Bei der Begrüßung sagte der Schlüchterner Bürgermeister Matthias Möller: „Europa bedeutet Einheit. Und was Einheit genau heißt, wissen wir in Deutschland am besten.“ Er erinnerte sich an eine Reise in die ehemalige DDR in den 80er Jahren. „Bei der Einreise gab es eine Grenzkontrolle. Wir mussten Geld umtauschen und kompliziert umrechnen. Mittlerweise ist das vorbei. Deutschland wächst seit 30 Jahren zusammen und besticht durch seine kulturelle Vielfalt. Auch wenn der Prozess des Zusammenwachsens noch nicht abgeschlossen ist.“ Mitten in der Coronakrise bekäme man aufgezeigt, wie wertvoll es eigentlich sei, sich in ganz Europa frei bewegen zu dürfen. Auch wenn man es fast nicht anders kenne, selbstverständlich sei das nicht.
Seit zwei Jahrzehnten organisiert die Europa Union Schlüchtern-Gelnhausen den zentralen Festakt zum Tag der deutschen Einheit in den beiden Altkreisen. Vorsitzender Thomas Schneider hob in seiner Ansprache hervor, dass die Wiedervereinigung damals vor 30 Jahren als freiwilliger Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik erfolgt sei. „Das war weder eine Übernahme, noch ein Anschluss oder gar eine Einverleibung.“ Für Ostdeutsche habe sich aber nahezu alles verändert. Während sich in der Bundesrepublik nach Kriegsende eine nivellierte Mittelschichtsgesellschaft herausgebildet habe, sei in der DDR ein Land der kleinen Leute entstanden. „Ostdeutsche und Westdeutsche unterscheiden sich in ihrem Verhältnis zur praktizierten Demokratie noch heute. Die Demokratiezufriedenheit liegt in den neuen Ländern konstant stets unter 50 Prozent. Links- und rechtspopulistische Parteien erhalten im Osten doppelt so hohe Stimmenanteile wie im Westen. Dennoch erscheint die deutsche Wiedervereinigung trotz aller Widrigkeiten und Probleme unter dem Strich als eine Erfolgsgeschichte, auf die man in Deutschland stolz sein darf.“
Der Höhepunkt der Veranstaltung war eine musikalische Zeitreise des Sinfonische Blasorchesters der Stadtkapelle, das unter Leitung von Lukas Bachmann auf hohem Niveau durch die turbulente Geschichte auf dem Weg zur deutschen Einheit führte.