“Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit”

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Fast 25 Jahre, bis zum Frühling 2019, gehörte Thomas Mann (CDU) als Abgeordneter dem Europaparlament an. Zugleich ist er Landesvorsitzender der überparteilichen Europa-Union in Hessen. In seinem Festvortrag zur Feierstunde zum Tag der Deutschen Einheit im Spessart Forum in Bad Soden appellierte der überzeugte Europäer in geschliffener Sprache zu mutigem Engagement für den Zusammenhalt Europas.

Gewiss sei nach der emotionalen Verbrüderung direkt nach dem Mauerfall der Prozess der Vereinigung nicht reibungslos verlaufen. In kurzer Zeit hatten die Menschen sich an neue Situationen anpassen müssen, eine neue Verwaltung musste aufgebaut werden, und die Treuhand sollte eine gescheiterte Planwirtschaft in eine funktionierende Marktwirtschaft überführen. 3 500 Betriebe wurden abgewickelt, Hunderttausende verloren ihre Jobs ohne Aussicht auf eine neue Perspektive.

Zudem hatten einige „Profiteure die Menschen schlichtweg übers Ohr gehauen“ und damit Frust und Enttäuschung ausgelöst. Trotz großer Anstrengungen beim Aufbau Ost sei die Anzahl der Verlierer zu hoch gewesen, erinnerte Thomas Mann. Heute sei Deutschland eine der stärksten Volkswirtschaften, mit Wirtschaftsstrukturen, „um die uns viele beneiden“, wusste der Referent.

„Freiheit und Frieden müssen immer wieder aktiv erarbeitet werden, Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit!“, appellierte er. Mit Nationalismen, völkischem Denken und „Twitterbotschaften am Rande des Erträglichen“ nutzten Populisten die berechtigten Sorgen und Ängste der Menschen, säten Misstrauen gegenüber dem Staat, seiner Institutionen und gewählten Vertretern. Kämpferische Demokratie sei das Gegenteil: Meinungsfreiheit, Bürgerbeteiligung, Kompromissfindung, Austausch von Argumenten und Rückkehr zur Sachlichkeit, sagte Thomas Mann unter dem Applaus der Zuhörer.

Heimatbewusstsein und Patriotismus sei etwas anderes als dumpfer Nationalismus mit Beleidigungen bis hin zu Morddrohungen. Er stehe zur humanistischen Entscheidung, Flüchtlingen zu helfen, besser sei es natürlich, die Fluchtursachen zu bekämpfen, etwa durch eine Partnerschaft mit Afrika, wie sie auch der französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron in seiner Rede vor Studenten der Pariser Universität Sorbonne schon 2017 gefordert hatte. In dieser Rede hatte Macron, in Absprache mit Kanzlerin Angela Merkel, Impulse für ein handlungsfähiges Europa entwickelt. Die deutsch-französische Freundschaft sei schon immer ein Vorteil für Europa gewesen, befand Thomas Mann.

Die Feier des Tags der Deutschen Einheit sei als Auftrag zu verstehen, federführend für den Zusammenhalt Europas zu wirken, resümierte er. Thomas Otto Schneider, der Vorsitzende der Europa-Union Kreisverband Schlüchtern-Gelnhausen, verwies auf die Bedeutung von Ritualen. „Es sind nicht die Kämpfer, es sind die Rituale, die in ganz kleinen Schritten die Normalität bereitet haben“, befand er.

Zu Beginn der Veranstaltung hatte Hauptamtsleiter Dominic Imhof die zahlreichen Zuhörer begrüßt. Zur Eröffnung des Festakts hatte Erster Stadtrat Werner Wolf konstatiert, der Prozess der Vereinigung sei noch nicht abgeschlossen, es gebe Unterschiede, etwa in den Wirtschaftssegmenten und der Lohngestaltung.

Für die musikalische Gestaltung der Feier sorgten die Jugendorchester der Musikvereine Salmünster und Cäcilia Bad Soden unter Leitung von Carmen Merz und Joschi von Sarközy in souveränem Zusammenspiel. Rhythmische Melodien kamen ebenso zur Aufführung wie Europa-Hymne und Deutschland-Hymne.