Eine Runde Mitleid für die Männer

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„Es wird Zeit für etwas Unerreichbarkeit.“ Mit dieser Ansage eröffnete Basta den A-Capella-Abend, vom Veranstalter Kuki in weiser Voraussicht und kurzfristig in die Stadthalle verlegt.
„Gut zwei Stunden ohne Klicken, ohne Wischen, Ziehen, Swipen, Liken, auf den Bildschirm blicken“ waren angesagt – und das nahm das rund 320-köpfige Publikum wörtlich: Schließlich hatte es keine Hand mehr frei, begann es doch bereits bei diesem Einstiegslied mit dem Mitklatschen.
Auch die Männer übrigens, für die das Quintett gleich nach dem Eröffnungssong eine Runde Mitleid spendete. Schließlich seien die meisten Basta-Fans weiblich, die Männer oft „nicht ganz freiwillig dabei“. Für sie – und „den Herrn aus der dritten Reihe“ – sangen die fünf Musiker „Schön, dass Du gekommen bist, auch wenn es gegen Deinen Willen ist.“ Der Kontakt zum Publikum: Vom ersten Moment an ist er da, William Wahl als Songschreiber erklärt das ganz entspannt: „Wenn man auf die Bühne kommt, singt man mit einer Hirnhälfte, mit der anderen checkt man das Publikum.“ Der Check dürfte in Schlüchtern bei ihrem nunmehr ersten Auftritt, spontan positiv ausgefallen sein: Gelächter und Applaus reichten schon eingangs an die Lautstärke der musikalischen Vorträgen heran.
Diese widmeten sich thematisch einem Kaleidoskop vergleichbar schlaglichtartig den Erlebnissen des Alltags, insbesondere die Lieder der jüngsten CD „Freizeichen“ kamen zu Gehör: Da ging es um den Kanarenurlaub von William, an den dieser sich als „Sodom und Gomera, es geht immer noch was ordinärer“ erinnerte. Um „blanken Hass auf Gute-Laune Musik“, wenn der Ohrwurm nachts das Einschlafen verhindert. Berühmt werden heute? „Früher musstest Du richtig was reißen, Amerika entdecken oder so. Heute reicht eine Lebensmittelunverträglichkeit“, diese These führte zum Song „Laktosetolerant“. Und auch das Älterwerden wurde thematisiert: „Mit Anfang 20 haben wir von einem eigenen Starschnitt in der Bravo geträumt, heute von einem CD-Tipp in der Brigitte Woman.“ Vom Frühstück-Fetischismus, der ersten eigenen Putzfrau, einem „Liebeslied an alle Männer“, die drei Tenöre William Wahl, Werner Adelmann und René Overmann, Bass Arndt Schmöle und der neue Bariton Hannes Herrmann wechselten sich mit den Hauptstimmen ab und brachten neben dem Gesang auch eine beeindruckende tänzerische Leistung auf die Bühne.
Und sie plauderten in Kumpelmanier von ihren Eindrücken vom Gastort. Er selbst sei ja auch extrem „Schlüchtern“, betonte da Hannes, dessen im Vergleich zu seinen Musikerkollegen noch junges Alter immer wieder Anlass zu Späßen auf beiden Seiten lieferte. Eine „Woche Kegeln in Sterbfritz“ werde als Urlaubsplan in Erwägung gezogen, die heimische Eisdiele durfte ein dickes Lob für sich verbuchen – und das angeblich fehlende Handynetz in Schlüchtern brachte William Wahl zur Schlussfolgerung: „Wenn man hier wohnt, weiß man, man muss ein Satellitentelefon haben.“
Fünf Männer – der Eindruck im Publikum: Das steht ein ganzes Orchester auf der Bühne, so eindrucksvoll und exakt waren die Darbietungen. Da wurde gesummt, gesurrt, gepfiffen – das ganze Spektrum möglicher Töne schien den Musikern zur Verfügung zu stehen. Neben den humorvollen Tönen zählten auch Balladen zum Repertoire: „50 Dinge“ beispielsweise, eine 2007 veröffentlichte Liebesgeschichte, oder das Lied von „Buhne 4“, eine bitter-süße Erinnerung an eine gemeinsame Zeit am Strand. Und dann wieder stimmungsvoll und lustig wie bei „Nachkommen“, in dessen Refrain sich ein Tee-Kesselchen versteckt: „Wir werden nachkommen, denn wir wollen Nachkommen. Du solltest vorfahrn, denn wir werden Vorfahrn…“ Reggae, Shanty, Tango – ein breites Spektrum an Rhythmen kam auf die Bühne, „YMCA“ von den Village People – die „dämlichen Texte von den Dorfleuten“ also – wurden auf Deutsch „noch viel blöder“ zu „Ich hab ADHS“. Und als schließlich René Overmann in typischer Grönemeyer-Marnier als Zugabe den Text zu Marianne Rosenbergs „Er gehört zu mir“ parodistisch daher stammelte, da war nach fast zweieinhalb Stunden die Stimmung in der Stadthalle am Kochen.
Mit stehendem Applaus und langanhaltendem Beifall sorgten die Gäste für eine zweite Zugabe, bevor die fünf Musiker im Foyer an ihrem Mercandise-Stand noch für weitere Fragen zur Verfügung standen. Und sogar noch eine kleine Zugabe gänzlich unplugged herausrückten: „For the longest time“ belohnte die Gäste, die nach Konzertende noch bei den Künstlern verweilten. Am Ende waren sich sicher alle einig „Legalize acapella“, wie dies musikalisch zwischenzeitlich von Basta gefordert und mit synchronem Armschwung der Gäste unterstützt worden war – einer solche Forderung kann man als Gast gerne nach.