Standing Ovations für Ennio im Kuki-Zelt

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Kennen Sie von Billy Joel „We Didn‘t Start The Fire?“ Das Lied mit der stakkatoartigen Aufzählung von Berühmtheiten, Stars und Sternchen? Dann haben Sie vielleicht eine kleine Vorstellung von dem, was der Meister der großen Show-Illusion, Ennio Marchetto, im Kuki auf die Bühne brachte.
Gerade war er noch die Queen of England, flugs ist er zu Freddy Mercury mutiert, mal ist er Shirley Bassey, Kate Bush und Bruce Springsteen, dann Edith Piaf. Der venezianische Verwandlungskünstler Ennio Marchetto schlüpft mithilfe seiner kunstvollen Papierkostüme in Sekundenschnelle von einer Persönlichkeit in die nächste – und begeistert damit das Publikum weltweit. Jetzt trat er für einen Abend im Rahmen des Kultursommers Main-Kinzig-Fulda im Kuki-Zelt in Schlüchtern auf.
Ein rasanter Parforceritt, technisch unterstützt von Nebelschwaden, farbigem Licht – und einer nicht minder rasanten und beeindruckenden Musik-Show, bei der die mehr als 50 internationalen Stars und Sternchen zu Gehör kamen.
Wenn es denn um Musiker ging – denn darauf beschränkte sich das Repertoire der Ikone der Papierkunst nicht, der mit seiner Form der Darstellung eine ganz eigene Kunstform und Theatersprache geschaffen hat. Zwischen 300 und 400 Charaktere hat der Pantomime in seinem Portfolio, für das Programm in Schlüchtern wählte er neben internationalen auch ein gerüttelt Maß an deutschen Berühmtheiten wie die Biene Maja, Rammstein, Heino und Udo Lindenberg aus.
Das Skurrile an der Show: Der mit wenigen Handgriffen erreichte Kostümwechsel, für den die Papp-Kostüm-Attrappen mal in der Mitte hochgezogen, mal seitlich aufgefaltet, mal durch die Wegnahme eines Kostümteils zu einem völlig neuen Outfit verändert werden. Da werden aus verborgenen Nischen (Papp-) Telefone, Fieberthermometer und behaarte Beine hervorgezogen, mal zwinkern die Augen von Ennio aus dem Bild der Mona Lisa, mal blinzelt das Gesicht aus einem ganzen Chor heraus. Besonderer Clou: Auch die Papier-Attrappen in sich sind nicht zwingend statisch: Da rollen die Augäpfel, mal sind die Augenlider geschlossen, mal nicht – und Elvis kann sogar in den Knien einknicken. Die Titanic schwankt in stürmischer See – und die Filmprotagonisten Leonardo DiCaprio und Kate Winslet stehen als papierne Figuren vorne drauf. Bei Helene Fischers „Atemlos“ sind im Kostüm zwei kleine „Sauerstoff-Fläschchen“ verborgen, Angela Merkel ist schon an der berühmt gewordenen Handgeste – der Merkelraute – zu erkennen.
Glanz und Glamour quer durch die Musikrichtungen, auch die ein oder andere erotische Anspielung von den CanCan-Tänzerinnen bis hin zur nahezu nackten Miley Cyrus auf der berühmt gewordenen Kugel – die filigranen Kostüme, deren herauslösbare Teile nach Ablauf der Show den Bühnenboden übersäen und dem genauen Betrachter Rückschlüsse auf die Befestigungen mit Klettband ermöglichen, sind Kunstwerke für sich. Ebenso die zahllosen Accessoires, die dem pantomimisch singenden Ennio ein immer neues Aussehen verleihen: Papierne Brillen, Frisuren, der Stachel von Biene Maja, glitzernde Ohrringe und Kronen – der Tanz- und Musikkünstler, von dessen Körper nur die Arme und das Gesicht zu sehen sind, während der Rest im schwarzen Catsuit verborgen als Kostümträger herhalten muss, überzeugt mit überwältigend vielfältiger Gestik.
Das Publikum: euphorisiert. Schon mit dem zweiten Charakter kommt der erste Szenenapplaus, der immer und immer wieder aufbrandet. Durchsetzt von schallendem Gelächter, Pfiffen, Gejohle – die Stimmung hätte einem Rock-Konzert zur Ehre gereicht, der Schluss-Applaus mit zehn Minuten langen Standing Ovations machte klar: Die Erwartungen der Gäste wurden übertroffen. Um ein Vielfaches. Möglicherweise sogar um die Anzahl der präsentierten Charaktere. Einhellige Bitte am Ende des Abends: Ennio möge wiederkommen. Gefallen jedenfalls hat es ihm – so viel verriet er Heide Buhmann vom Kuki-Vorstand nach der Show auf dem Weg ins Hotel, in das er nach dem grandiosen Auftritt zügig wollte. Duschen. Nach einer rasanten Revue mit mehr als 50 Kostümen und ebenso häufig wechselnden Charakteren keine Überraschung.