Polen braucht Europa und auch Europa braucht Polen

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Die Städte Jarocin und Schlüchtern haben in der vergangenen Woche das 15-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft in freundschaftlicher Verbundenheit gefeiert.
Bei der offiziellen Begrüßung der 20-köpfigen, polnischen Delegation sagte Reinhold Baier, Vorsitzender des Fördervereins für Städtepartnerschaften der Stadt Schlüchtern: „Das ist eine tolle Freundschaft. Die Partnerschaft lebt.“ Als Vizebürgermeister hatte Reinhold Baier damals den Partnerschaftsvertrag unterschrieben und sich seither stark dafür eingesetzt, dass die Aussöhnung und das friedliche Zusammenleben der Menschen beider Städte ein Beitrag für ein vereintes Europa wurde.
„Wenn ich auf diese Partnerschaft zurückblicke, sehe ich deutlich, dass Brücken zwischen den Völkern geschlagen werden können, wenn sich die Menschen direkt treffen, wenn sie sich miteinander unterhalten und wenn sie nach Gemeinsamkeiten und nicht unbedingt nach Unterschieden suchen“, zitierte der Erste Stadtrat aus einem Interview der Übersetzerin Anna Link-Oleksy. Den Geist der Partnerschaft könne man nicht besser umschreiben.
Der stellvertretende Bürgermeister Robert Kazmierczak, der Rathauschef Adam Pawlitzky vertrat, der daheim der Geburt der vierten Tochter entgegen fieberte, betonte, dass in den 15 Jahren in den Bereichen Sport, Bildung und Feuerwehrwesen viel erreicht worden sei. „Auch die vielen persönlichen Kontakte haben zu einem brüderlichen Erfolg geführt und die Zusammenarbeit bereichert.“ Es seien echte Freundschaften entstanden. Kazmierczak hoffte, dass die Partnerschaft besser gedeihe als der damals gepflanzte Friedensbaum.
Thomas Schneider, Vorsitzender der Europa-Union Schlüchtern-Gelnhausen, und Wolfgang Mücke waren es, die vor 17 Jahren den Verschwisterungsprozess mit einem Besuch in Jarocin angestoßen und am Gymnasium der Stadt Deutschstunden in Geschichte und Literatur abgehalten hatten. Das Engagement der Schulen und Vereine und die Gründung des Partnerschaftsvereins habe maßgebend dazu beigetragen, dass sich eine wunderbare Freundschaft entwickelt habe, so Thomas Schneider.
Nein zum Protektionismus
Europaabgeordnerter Thomas Mann erinnerte an die Worte von Papst Johannes Paul II, der einmal gesagt habe: „Polen braucht Europa und auch Europa braucht Polen.“ Das „Weimarer Dreieck“ Polen, Frankreich und Deutschland könne zu einer europäischen Wiedergeburt beitragen. Europa müsse den Nationalisten die Stirn bieten. Die Souveränität des Staates müsse aber bleiben. „Nein zum Protektionismus, nein zum Aufbau von Wällen. Ja zu Konventen. Das sage ich als Patriot.“
Jeder Jugendliche müsse einmal Auschwitz gesehen haben, damit die Versöhnungskultur im Alltag wahrgenommen werde. „Gelebte Partnerschaft, das ist das, was Europa prägen kann. Das gibt Europa Kraft. Menschlichkeit muss Realität werden.“
Stadtrat Raymond Banaszynski übergab dem Schlüchterner Bürgermeister Matthias Möller eine Skulptur des heiligen Martins mit den Worten: „Große Politik teilt Völker. Jarocin und Schlüchtern teilen alles. Möge der Schutzpatron Martin die Partnerschaft in seine Obhut nehmen.“
Nach dem Festakt berichtete der Schauspieler, Kabarettist und Autor Steffen Möller, der lange in Polen lebte und Dozent an der Universität Warschau war, in der Stadthalle zweisprachig von vielen einfachen Menschen, die er während seiner Warschauer Jahre getroffen hatte und erzählte, wie sie sich mal trickreich, mal leichtsinnig durchs Leben schlugen.
Am Samstag nahm die polnische Delegation an einer Stadtführung in Fulda teil, besuchte Kloster Kreuzberg und erlebte bei einem Grillabend in der Hohenzeller Spechtehütte den Fußballkrimi Deutschland gegen Schweden auf der Großleinwand.