„Das Eiskalte Händchen“ brachte Vergnügen und Tiefgang: Steinauer Puppenspieltage in der Katharinenkirche eröffnet

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Kunst darf in fremde Welten entführen und aus Normen ausbrechen. Sie darf ebenso auf schaurig-bizarre Weise ausgelebt werden und muss nicht immer verständlich sein. Kunst darf faszinieren, irritieren, unterhalten und dann doch wieder wichtige, vielleicht versteckte Botschaften vermitteln. Kunst lädt zum Träumen und zum Nachdenken ein, unterhält und vereint oder bringt Menschen zur Besinnung. Der Kunst sind nur wenige Grenzen gesetzt – sie darf erheitern, aber auch dunkel sein und Zuschauer zum Gruseln bringen.
Mit dem Stück „Das Eiskalte Händchen“ wurden in der Katharinenkirche die Steinauer Puppenspieltage eröffnet. Damit war genau jenes Eröffnungsstück ein Beispiel dafür, wie Kreativität ausgelebt werden kann und auch wie vielfältig die Puppenspielkunst ist. Doch einmal von vorne:
Für 35 Jahre Zusammenarbeit zwischen dem Main-Kinzig-Kreis und der Familie Magersuppe sowie mit Detlef Heinichen als künstlerischem Leiter der Steinauer Puppenspieltage dankte der Erste Stadtrat Dietmar Broj in seiner Eröffnungsrede. Großen Dank sprach er ebenfalls den anwesenden Gästen, darunter Altbürgermeister Walter Strauch, Detlef Heinichen, Leiter des Theatriums Steinau, nebst Gattin sowie Christoph Biegl aus. Es sei bedeutsam, Kulturveranstaltungen wie die Puppenspieltage zu fördern und geeignete Orte dafür zu finden. Dank entsprechender Haushaltsmittel und der jahrelangen Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche sei das zum Glück umsetzbar. „Eine so volle Kirche habe man auch nicht jeden Tag“, scherzte Detlef Heinichen zur Eröffnung des Abends. Doch schließlich sei die Eröffnung der Steinauer Puppenspieltage mit der des Oktoberfestes in München gleichzustellen. Man habe in diesem Jahr versucht, eine gute Mischung aus Unterhaltung und Besinnlichem zusammenzustellen, so Heinichen. Allen anwesenden und neugierigen Zuschauern wünschte er viele lustig-schaurige Momente mit Tiefgang bei der Vorstellung des „Weiten Theaters“ Berlin.
In Anlehnung an die Addams Family präsentierten die Künstler nämlich ihre eigene Geschichte des „Eiskalten Händchens“. Und somit startete ein äußerst experimentelles Schauspiel mit Gruselfaktor, nicht jedoch ohne auf gesellschaftliche Themen und Fragen einzugehen. Die Zuschauer machten im Laufe des Abends Bekanntschaft mit drei erschaffenen künstlichen Intelligenzen, die – sobald „Mutter“ aus dem Haus war – ihr ganz eigenes Ding machten, dabei jede Menge Unsinn anstellten und auch den Menschen auf makabere Weise gefährlich wurden.
Ein Anrufer mit einer großen Vorliebe für die eigenartigsten und schrägsten Hashtags und dem Wunsch nach einem unterhaltsamen Hörspiel brachte schließlich die Lage zum Eskalieren. Emsig darum bemüht, dem Zuhörenden eine spannend-gruselige Story zu liefern, die alle Wunsch-Hashtags verkörpert, trafen Anrufer und das anwesende Publikum auf das Ehepaar Addams. Martialla und Gatte Pomez mussten ihre Unsterblichkeit erneuern und dazu bis Mitternacht einen besonderen Trunk zu sich nehmen. Im Wettlauf gegen die Zeit durchkreuzten die eigenartigsten Besucher und Gestalten die Pläne des ungleichen Ehepaars – eine rätselhafte Frau Schmidt benso wie ein esoterischer Saunameister oder gar ein äußerst verliebter Pizzabote und nicht zuletzt Tochter Tuesday tauchten auf der Bühne auf. Alle gespielt von den drei KI-Ausführungen, die bei der Umsetzung von Gefühl zwar an ihre Grenzen stießen, aber buchstäblich eine Mords-Freude am Hashtag „Massaker“ hatten. Eine Anspielung auf die mögliche Macht und Gefahr der KI in der heutigen Zeit? Doch ließ das Stück nicht nur kalte Schauer über den Rücken und noch kältere Händchen über die Bühne laufen, es war auch für viele Lacher gesorgt.
Es war klar, dass Martialla Addams die Hosen anhat und Männern reihenweise die Köpfe verdrehte, auch wenn sich das Rätsel um die „Liebesknochen“ nicht ganz klar aufklärte. Passend zur schaurig-gruseligen Familie war die Mutter von Pomez in der Seniorenresidenz „Sonnenfinsternis“ untergebracht und selbst eine heimliche Romanze wurde in all dem kreativen Chaos aufgedeckt. Dass ausgerechnet Töchterchen Tuesday nicht vom begehrten Trunk nehmen wollte, lud ebenfalls zum Nachdenken ein. Denn sind nicht auch das Älterwerden und gar die Endlichkeit ein Geschenk?
Das extravagante Schauspiel endete damit, dass die KIs – die ja keine Moral kennen – ihre Schöpferin umbrachten. Vielleicht eine kleine Warnung, denn manchmal lässt sich eine entwickelte Dynamik ab einem gewissen Punkt nicht mehr durchschauen und zurückrufen. Und so waren sich am Ende des Abends sicherlich alle Zuschauer einig, dass sich auf der Bühne nicht nur skurriler Klamauk abspielte, sondern in der Tat Tiefgang und Schärfe neben versteckten Botschaften hier eine wichtige – grandios umgesetzte – Rolle spielten.