„Sie kennen mich seit vielen Jahren als Bürgermeister, der meistens einen kühlen Kopf behält. Wenn es aber um den Neubau der Bahnstrecke geht, werde ich ungehalten bis zornig.“ Mit diesen Worten eröffnete Bürgermeister Matthias Möller die Informationsveranstaltung zum Neubau der Bahnstrecke zwischen Gelnhausen und Fulda. Konkret teilte er gemeinsam mit Wulf Hahn von der Firma RegioConsult sowie Tanja Mittag und Tobias Orth, Mitarbeitende der Stadt, den Bürgerinnen und Bürgern mit, welche Folgen die Errichtung des geplanten Betriebsbahnhofs mit sich bringen wird. „Ich befürchte, dass niemand während der Baumaßnahmen so leiden muss wie die Bürgerinnen und Bürger von Schlüchtern. Wir sind die am stärksten beeinträchtigte Kommune“, sagte Matthias Möller.
Dass rund 160 Bürgerinnen und Bürger in die Stadthalle gekommen waren, zeigt, wie stark das Interesse am geplanten Neubau ist. Nico Bensing, Gesellschafter der Kommunikationsagentur Bensing & Reith, moderierte die Veranstaltung und sagte gleich zu Beginn: „Ich weiß, dass dies ein enorm emotionales Thema ist. Ich bitte Sie, im Hinterkopf zu behalten, dass die Podiumsteilnehmer genauso betroffen sind wie Sie und ich.“
Zwischen Gelnhausen und Fulda soll eine neue Bahnstrecke entstehen. Im Raumordnungsverfahren ist die Trassenvariante IV als Vorzugsvariante eingestuft worden. Diese verläuft von Gelnhausen über Wirtheim bis nach Schlüchtern und Fulda. Teil dieser Variante ist die Errichtung einer Brücke beim Stadtteil Niederzell sowie neuerdings auch eines Betriebsbahnhofs im Norden Schlüchterns. Letzterer wurde der Stadt Schlüchtern erst kürzlich mitgeteilt. Und genau um diesen ging es bei der jüngsten Informationsveranstaltung der Stadt.
Wulf Hahn ist Diplom-Geograph und unterstützt die Stadt mit seinem Unternehmen in Fragen der Verkehrs- und Umweltplanung. Er gab weitere Details bekannt: So soll der Betriebsbahnhof insgesamt 1,2 Kilometer lang sein. Auf einer Breite von 54 Metern sollen fünf Gleise parallel verlaufen. Rechts und links vom Bahnhof sollen zwei Tunnel, nämlich der „Tunnel Ohl“ und der „Tunnel Huttener Berg“, entstehen. „Doch noch viel gravierender ist die Tatsache, dass eine Fläche von 400.000 Quadratmetern für die Baumaßnahmen in Anspruch genommen wird. Es müssen Straßen und Wege umverlegt und neu gebaut werden. Der Baustellenverkehr soll über die Autobahn-Anschlussstelle Schlüchtern-Nord abgewickelt werden.“
Der Betriebsbahnhof hat laut Bahn zweierlei Funktionen: Er soll zum einen die Neubaustrecke mit der Bestandsstrecke verbinden, um eine frühzeitige Inbetriebnahme des Abschnitts 3 zwischen Schlüchtern und Kalbach zu ermöglichen. Zum anderen soll er Überholgleise bereit halten und so die Störanfälligkeit des Schienenverkehrs verringern.
Was sich durchdacht anhört, tangiert in der Umsetzung gleich mehrere Bereiche. Es liegen mehrere Schutzgebiete im Trassenbereich, die Trinkwasserversorgung ist ebenfalls betroffen und für den Lärmschutz wurde nur ein passiver Schallschutz vorgeschlagen. „Und trotzdem ist die Deutsche Bahn der Auffassung, sie könne hier bauen. Ich persönlich halte das Projekt weder ökologisch noch ökonomisch für zielführend. Ich stehe an der Seite der Bevölkerung und werde dafür kämpfen, dieses Projekt im Planungsverfahren zu verhindern“, sagte Matthias Möller.
Zum zeitlichen Abriss des Projekts sagte Wulf Hahn: „Wenn man sich die bisherigen Baumaßnahmen der Bahn anschaut, dann gehe ich davon aus, dass vor 2034 kein Bagger rollt. Und vor 2040 wird der Neubau wohl nicht fertiggestellt sein.“ Alternativ stehe immer noch die Variante VII im Raum, die südlich des Vogelsbergs und unter anderem durch den Stadtteil Wallroth verläuft. Damit übergesetzliche Maßnahmen im Schallschutz und Städtebau möglich werden, müssen in nächster Zeit Kernforderungen für die parlamentarische Befassung formuliert werden. Diese werden dann im Bundestag beraten und gegebenenfalls beschlossen. Hierfür ist die Unterstützung der Stadt Schlüchtern durch die Bundestagsabgeordneten sehr wichtig.
Abschließend sagte Matthias Möller: „Wir halten die Bürgerinnen und Bürger weiterhin auf dem Laufenden. Das hier geht uns alle etwas an. Ich verspreche, nicht locker zu lassen.“ Wer Fragen zu dem Projekt hat oder Stellung beziehen möchte, kann sich ab sofort an das neu eingerichtete Postfach bahn@schluechtern.de wenden. BWB
