Ideen, die sich nach dem Genuss mehrerer Becher Glühwein einstellen, sollte man weiterverfolgen: Das zeigte der geniale „Heimat“-Theaterabend im Hof der Familie Müller in Herolz. Der Impuls dazu war im vergangenen Jahr in lustiger Runde auf dem Herolzer Weihnachtsmarkt an der Dreschhalle entstanden.
Und da die Herolzerinnen und Herolzer ein tatkräftiges Völkchen sind, wurde der Traum wahr gemacht: Ein Theaterabend mit Menschen aus dem Dorf für Menschen aus dem Dorf – und natürlich auch für Gäste. Und das Interesse war groß: Bis zum letzten Platz besetzt waren die Stuhlreihen auf dem ehemals landwirtschaftlichen Anwesen, in Herolz unter dem Hausnamen „Neubauesch“ bekannt. Der weihnachtlich geschmückte und beleuchtete Hof sorgte sofort für Wohlfühl-Atmosphäre, und bei Glühwein, heißem Orangensaft und Grillwürstchen kamen die Besucherinnen schnell ins Plaudern. Toll auch die Spontaneität des hurtig zusammengestellten Theater-Orchesters: Musiker und Musikerinnen aus Herolz und dem Sinntal unter Leitung von Marco Zinkand verliehen dem Heimatabend besonderen Zauber – ebenso wie die Gesangsgruppe Lotus, die ein Adventslied vortrug.
In die Hand genommen hatten das Gesamt-Projekt Stefanie Loder-Ohrmann und ihre Mitstreiter vom Heimat- und Förderverein Herolz sowie Romana und Rudolf Falk vom Hofnarr-Theater. Einem Aufruf an alle theaterinteressierten Mitbürgerinnen und Mitbürger folgten intensive Proben – und so entstand im Jahreslauf ein wunderbar abwechslungsreicher Heimatabend mit „Herolzer Stückchen“ – ebenso vergnüglich wie berührend. Denn die Theater-Truppe hatte Dorf-Chroniken und heimatliche Geschichtsbücher gewälzt, um kleine Anekdoten und Begebenheiten rund um Herolz und seine Menschen auf der Bühne erlebbar zu machen.
Köstlich zum Beispiel die Gewitztheit der Pfarrköchin (Vera Kozhurina), die dem Geistlichen (Malte Ochs) vorschlägt, er solle sich die Stiefel mit Erde füllen, dann könne er immer wahrheitsgetreu behaupten, er stünde auf Herolzer Boden. Im historischen Streit mit der Stadt Schlüchtern um das Huhnfeld war dies wohl ein gewichtiges Argument.
Ein Herolzer Original ist Conny Kolb, die unter anderem als „Annemiechen“ ihr arbeitsreiches Leben als Bäuerin, Mutter und Ehefrau beschrieb – und als dann noch der grantige Gatte (Rudolf Falk) auftauchte, blieb keine Frage nach dem Gemütszustand der geplagten Frau offen.
Tratsch und Klatsch beim Latwerge-Rühren servierten Iris Bös und Anne Sieverth. Das berühmte schwarzglänzende Zwetschgen-Mus ist mehr als ein Brotaufstrich – es ist ein Teil des Herolzer Heimatgefühls. Jedenfalls wussten sich die Damen bei der Latwerge-Zubereitung einiges zu erzählen – unter anderem, dass die Cocktails beim Fest im Pfarrgarten umbenannt werden mussten, denn „Sex on the Beach“ wäre allzu unkeusch gewesen. Um hinsichtlich der Gottesfürchtigkeit sicher zu gehen, hätte man die Drinks dann auch mit Weihwasser verlängert.
Die Handschrift von Regisseurin Romana Falk war unverkennbar: Der Abend wurde clownesk begonnen – und die Gestalten mit den roten Nasen öffneten den Raum für eine ganze Bandbreite an Empfindungen: vom herzlichen Lachen bis hin zu Momenten großer Rührung.
Ein sehr leiser und zarter Moment entstand, als Passagen aus Original-Briefen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs verlesen wurden. Die Korrespondenz zwischen dem jungen Grenadier Josef Nöll und seiner Mutter offenbarte viel Heimatverbundenheit und Menschlichkeit. Bis der Briefwechsel stoppte, denn der junge Herolzer war in Russland gefallen, bevor ihn die letzte Nachricht seiner Mutter erreichen konnte.
Dem zwölfköpfigen Ensemble gelang es während der einstündigen Aufführung Herolzer Identität und Charakter spürbar zu machen: Ein Menschenschlag, geprägt von Natur, Arbeit und Glaube – von rauem Wesen, aber auch voller Herzlichkeit, Humor und Hilfsbereitschaft. Das brachte auch Vera Kozhurina in einem sehr berührenden Vortrag zum Ausdruck. Sie berichtete, dass sie und ihr Sohn nach der Flucht aus der Ukraine mit offenen Armen in Herolz aufgenommen wurden und seither viel Unterstützung erfahren hätten. Die Ukrainerin ist sich sicher: „Die Herolzer kommen in den Himmel.“
Das Publikum dankte mit sehr lang anhaltendem Applaus.


