„Wir sind gekommen, um zu bleiben“

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Nach einer langen Tour durch Europa, Aufenthalten in Südasien und letztlich einer Reise zu sich selbst, lebt Natya Tobler heute im Bergwinkel, genauer gesagt in Steinau.
Welche Umstände sie und ihren Mann Milan in die Brüder-Grimm-Stadt geführt haben, hat sie der Berichterstatterin erzählt.
Die Schweizerin Natya ist ein spiritueller Mensch. „Seit ich 20 Jahre alt war, habe ich mich interessiert für Meditation, Handlesen, geistiges Heilen, Aura lesen, New Age.“
Als sie im Jahr 2007 ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub nimmt, reist sie alleine nach Indien. Neu-Delhi soll der Startpunkt für eine Asienreise werden, als weitere Stationen sind Laos, Kambodscha und Vietnam geplant. „Als ich in Neu-Delhi aus dem Flugzeug gestiegen bin, fühlte sich das an wie Nach-Haus-Kommen“, erinnert sich die 48-Jährige. Ihre Reise durch Indien führte sie schließlich nach Vashisht, ein Dorf auf 2.300 Metern Höhe, bekannt für seine schwefelhaltigen heißen Quellen, seine Tempel und seine Landschaft. „Die Vegetation dort hat mich an die der Alpen erinnert, an daheim“, erzählt Natya.
In Vashisht besucht sie regelmäßig ein Badehaus für Frauen, wird dort von den einheimischen Frauen herzlich aufgenommen und „geschätzelt“, was im Schweizerischen so viel bedeutet wie liebevoll behandelt, übersetzt Natya schmunzelnd. Bei einem ihrer Besuche dort fällt ihr ein Mann auf, groß gewachsen, rote Haare, ganz offensichtlich kein Einheimischer.
Die beiden lernen sich kennen, Milan ist Engländer und – wie sich herausstellt – nach Indien ausgewandert. Bei einem Frühlingsfest im Dorf verbringen die beiden den Tag miteinander und verlieben sich.
Kurz darauf steht für Natya die Abreise aus Indien an. Drei Wochen Urlaub in Thailand folgen, ehe es zurück in die Schweiz gehen soll. Eine Woche sollte es dauern, bis Milan ihr nach Thailand folgt. „Wir hatten Heimweh nacheinander und obwohl wir erst im April 2008 geheiratet haben, waren die gemeinsamen Tage in Thailand bereits unsere Flitterwochen“, beschreibt Natya ihre tiefe innere Verbindung zueinander.
Als sich auch die gemeinsame Zeit in Thailand dem Ende zuneigt, beschließt Milan, zu Natya in die Schweiz zu ziehen und kommt schließlich im September 2007 in Zürich an, später wird ein kleines Dorf in den Bündner Alpen ihr gemeinsames Zuhause. Während der damals 32-Jährige fleißig Hochdeutsch lernt, als Snowboard-Lehrer und Pistenpatrouilleur arbeitet, pendelt die studierte Diplom-Pädagogin täglich ins Tal zur Arbeit.
Ihre verantwortungsvolle Tätigkeit in einer Leitungsfunktion kostet sie viel Kraft. Nach einem Urlaub entschließt sie sich Ende 2018 zur Kündigung. 2019 geht es für sie und ihren Mann nach Indien in einen Ashram. „Ich habe die Lebensnotwendigkeit gespürt, Kraft zu tanken, mich meiner Seele zuzuwenden und in die Spiritualität einzutauchen“, erinnert sich Natya an die herausfordernde Zeit. Drei Mal reist das Paar im Jahr 2019 nach Indien und denkt darüber nach in das südasiatische Land, das Natya als „großen spirituellen Supermarkt“ bezeichnet, auszuwandern.
Ende 2019 treffen Natya und Milan eine weitreichende Entscheidung: Das Haus in den Bündner Alpen wird verkauft, das Wohnmobil gepackt und am 1. Januar 2020 verlassen die beiden die Schweiz. Ihr Ziel ist das Erzgebirge, wo sie den Winter bei Freunden verbringen möchten. Nach drei Monaten in Sachsen, macht sich Milan auf nach Indien, Natya plant, später nachzureisen. Doch dann kommt die Coronapandemie: ie Grenzen sind geschlossen.
Sobald Reisen wieder möglich ist, kehrt Natya in die Schweiz zurück. Nach großen Anstrengungen gelingt es auch Milan im Mai in Zürich anzukommen. Von dort aus macht sich das Paar mit seinem Wohnmobil auf Reisen durch Italien, Spanien, Österreich und Deutschland.
Zu dieser Zeit gehören beide bereits seit einigen Jahren der Himalaya Samarpan Meditation an, die plant, einen Ort der Mediation rund um Frankfurt am Main aufzubauen, der als Zentrum für Europa dienen soll. Natya und Milan entscheiden sich, ihre gemeinsame Kraft in dieses Vorhaben zu stecken und beschließen: „Wir helfen dabei, dieses Zentrum aufzubauen.“
Auf der Suche nach einem geeigneten Standort, wird die Himalaya Samarpan Meditation auf die ehemalige Waldschule in Katholisch Willenroth aufmerksam, die zum Verkauf steht und erwirbt diese in 2022. Natya und Milan entschließen sich, in Deutschland zu bleiben. Nach Stationen in Frammersbach und Bad Soden-Salmünster kauft das Paar ein Haus in Steinau, wo es seit März 2024 lebt.
„Für das Haus sprach unser Wunsch, naturnah zu leben. Auf unserem Grundstück mit den vielen Bäumen und am Rand des Städtchens gibt es viele Vögel, Eichhörnchen und auch Rehe schauen vorbei“, erzählt Natya und sagt: „Wir sind gekommen, um zu bleiben. Auch, wenn wir manchmal noch nicht ganz verstehen, wie manche Dinge in Deutschland funktionieren.“ Auch beruflich hat die Diplom-Pädagogin, die in der Schweiz unter anderem als Kita-Leitung und Dozentin für pädagogisches Fachpersonal gearbeitet hat, Fuß gefasst. Da ihre Diplome aus der Schweiz in Deutschland nicht anerkannt werden, wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit und bietet mit ihrer „Eltern-Kind-Stube“ vielfältige Angebote und Begleitung für Eltern und pädagogische Fachkräfte an. In ihrer Freizeit macht sie Sport im Turnverein Steinau, „wo mich alle so akzeptieren wie ich bin“, und engagiert sich bei der Himalaya Samarpan Meditation.
Auf die Frage, ob sie in Deutschland etwas vermisse, wird die Schweizerin nachdenklich. „Manchmal fühle ich mich schon als Ausländerin. Dann merke ich, dass mir ein selbstverständliches Zugehörigkeitsgefühl fehlt, das aus einer gemeinsamen Sozialisation entsteht.“
Nichtsdestotrotz sagt sie: „Wir sind glücklich mit unserer Entscheidung, hier zu sein. Steinau ist mein neues Zuhause und ich bin auf dem Weg, eine neue Heimat zu finden.“