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„Die Pogromnacht mahnt uns, wachsam zu bleiben“, formulierte Kerstin Baier-Hildebrand als Forderung. Die Erinnerung an diese unselige Nacht sei ein Auftrag, auch heute für Demokratie und Menschlichkeit einzutreten.
Die Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins Bergwinkel war Hauptrednerin bei der zweiten Gedenkfeier der Stadt Schlüchtern anlässlich der Reichspogromnacht in der ehemaligen Synagoge in der Grabenstraße. Rund 80 Gäste fanden sich zu der einstündigen Veranstaltung ein.
Baier-Hildebrand sprach von einem Wandel in der Erinnerungskultur. Über viele Jahre sei in Deutschland über die Verbrechen der Nazis geschwiegen worden – selbst in Schlüchtern. Auch in der Synagoge schwangen sich Hitlerjungen auf dem Kronleuchter, während draußen die Scheiben klirrten. Bis heute spreche man nicht über die Namen der Täter.
In Schlüchtern habe der Wandel vom Schweigen zum Dialog erst spät begonnen – aber er habe begonnen. Beispielsweise mit dem Ankauf der Synagoge, der Gründung des zugehörigen Fördervereins, der Einladung von ehemaligen jüdischen Mitbürgern in die Bergwinkelstadt sowie dem Verlegen von Stolpersteinen.
Die Menschen lebten in einer Zeit, da sich die Erinnerungskultur wandele, da die letzten Zeitzeugen verschwänden. Und das in einer Zeit, da offener Judenhass wieder lauter werde. Erinnerung bedeute daher auch, die Lebenswirklichkeit jüdischer Menschen heute ernst zu nehmen und Haltung zu bewahren.
„Wir erleben heute den Beginn einer Erinnerungskultur ohne Zeitzeugen – aber nicht ohne Zeugnisse“, betonte Baier-Hildebrand. Aufgabe sei es, diese Zeugnisse lebendig zu halten. Und damit begann sie gleich und übergab das Wort an vier Schülerinnen der Arbeitsgemeinschaft „Schule ohne Rassismus“ an der Kinzig-Schule. Ida Schürmann, Emma Brys, Carlotta Föller und Lara Bös lasen im Wechsel die Namen von rund 160 verfolgten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern vor, die früher in Schlüchtern lebten.
Außerdem hatte die Geschichtsverein-Vorsitzende die Hanauer Filmemacherin Isabel Gathof als Gastrednerin eingeladen. Weil diese persönlich verhindert war, hatte sie eine Videobotschaft übermittelt. Darin berichtete sie von einer kürzlich veranstalteten Reise nach Israel. Dort in der israelischen Nationalbibliothek habe sie eine interessante Entdeckung gemacht. Sie fand einen „Schatz“, wie sie es formulierte: einen Ordnerkomplex zur ehemaligen jüdischen Gemeinde in Schlüchtern: „So wird ein Teil des Lebens hier in Erinnerung gehalten. Die Spuren sind nicht verloren.“ Auch sie ermunterte, im Hier und Jetzt Verantwortung und Haltung für das jüdische Leben zu übernehmen.
Die Begrüßung zu der Gedenkfeier hatte Erster Stadtrat Reinhold Baier (CDU) übernommen. Er zitierte angesichts des Leids der Juden im Nationalsozialismus Rainer Maria Rilke: „Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Sie lehrt nur, mit dem Unbegreiflichen zu leben.“ Und verwies auf die derzeit 61 Konflikte und Kriege in der Welt. Die Menschheit befinde sich in einer „unglaublichen Aufrüstungsspirale“
Stadtrat Hans Konrad Neuroth, der auch Mitglied des Vereins der Synagogen-Freunde ist, rief dazu auf, das jüdische Leben zu schützen und zu fördern. Das sei auch der Hintergedanke für die Sanierung der Schlüchterner Synagoge als ein „sichtbares Zeichen gegen das Vergessen“. Antisemitismus sei nämlich nicht etwa nur Geschichte, sondern erschreckende Gegenwart. Deswegen sei das ehemalige Gemeindehaus so wichtig als lebendiger Raum, der Geschichte vermittelt und Begegnung ermöglicht.
Stadtverordnetenvorsteher und Pfarrer a.D. Joachim Truss sprach abschließend das jüdische Totengebet. Für getragene Musik sorgten Alexander und David Jacobi. Während der Veranstaltung hatte eine Streife der Polizeistation Schlüchtern vor dem Gebäude einen wachsamen Blick. RI